Rainer's report:

"Rainer, Rainer,..." merkwürdig, immer vermeine ich nicht zu schlafen, nur wenn meine Wache da ist, höre ich den Ruf des Wachführenden kaum. Es ist der 15/5 Mitternacht. Im torkelnden Boot ziehe ich mich warm an - es hat 19°C in der Kabine. Draußen löse ich Robert ab, der das unter Kartenplotter und Maschine laufende Schiff überwacht. Er ist mustergültig vorsichtig: in Schwimmweste und mit dem Besanmast durch eine Leine verbunden sitzt er so gut gesichert im Fahrersitz. Ich bin froh darüber, wenn mich auch der Anblick jedes mal an die angeleinte Kira erinnert. Er hat als Einziger aus meiner Erzählung über die Monsterwelle, die uns nächtens während der Atlantiküberquerung 2003 traf, die richtige Konsequenz gezogen. Er ist sichtlich froh, abgelöst zu werden.

Die letzten Tage waren aufreibend. Die Fahrt verlief gar nicht so, wie sie Jimmy Cornell in seinem Buch "World Cruising Routes" beschreibt. Er meint im Mai müsse man damit rechnen mangels Wind viel zu motoren und sollte man dennoch NE Wind (aus der Richtung, wo man hin will) haben, könne man ruhig sich nach Westen segelnderweise versetzten lassen, da weiter im Norden man ohnehin auf westliche Winde treffen würde, die einen dann nach den Bermudas brächten. Zum Glück befolgte ich diese Empfehlung nicht. Hätte ich seinen Rat befolgt, wir würden die Bermudas nicht heute sondern erst in einigen Tagen erreichen. Von westlichen Winden keine Spur aber dafür von NO Winden in Stärken von 3-5 und manchmal auch 6Bft. Also immer den Wind von vorne.

Wer einmal bei bewegter See mit einem Segelboot ohne die stabilisierende Wirkung der Segel motort ist, weiß zu welchem Veitstanz ein solches Gefährt auf den Wellen fähig ist. Mit Ausnahme des "Lyriktages" in der Saragossa See, wo es eher "Andante" zuging, Tag und Nacht diese Rundumbewegung, die die Magennerven blank legt. Das zerrt an Psyche und Kräften, zumal einem bei wenig Schlaf nicht nach Essen oder Trinken zumute ist - wer braucht da noch einen Dungl?

Zweimal mussten wir wegen Starkwind bzw. einer durchziehenden Kaltfront abdrehen, da ein motoren gegen meterhohe Wellen, bei 5-6 Bft. sinnlos war. So segelten wir bei wolkenverhangenen Himmel mit flotter Fahrt und gedrückter Stimmung hart am Wind gegen die Elemente an, aber näherten uns dabei kaum unserem Ziel. Nach jeweils 5-6 Stunden, ebbte der Spuk ab und wir nahmen wieder unter Motor direkten Kurs durch die nun aufgewühlte See auf unser Ziel auf. Nun zeigt der Kartenplotter noch 64 nm oder ca. 9 Stunden bis zu den Bermudas - das Wasser ist dzt. einigermaßen ruhig. Trotzdem haben wir noch Glück, denn die Wetterkarte präsentiert uns ein Hochdruckgebiet über den Bermudas. Warum Glück? Die Bermudas sollen bei Starkwind wegen der schwierigen Riffeinfahrt aus Sicherheitsgründen nicht angelaufen werden - schreibt Jimmy Cornell und empfiehlt, nach der Ostküste (USA) bei Nordfahrt oder die Karibik bei Südfahrt weiterzulaufen. Was hätten wir in einem solchen Falle gemacht???  Armer Rupert der uns am 17/5 erwartet. Der Scherz geht um: wir begrüßen Rupert am Flughafen- die schlechte Nachricht: wir fliegen heim, Boot lassen wir in den Bermudas; die gute Nachricht- du hast ohnehin noch ein freies Rückflugticket. Meiner Crew scheint langsam zu dämmern, auf was sie sich da eingelassen hat - aber es war klar, der Nordatlantik ist kein Revier für eine genüssliche Segeltour. Eine gesunde psychische und physische Konstitution ist unabdingbare Vorraussetzung für das Abenteuer. Wie immer in solchen Situationen, dreht sich das Gesprächsthema darum, was wir heute Abend wo und wie essen und trinken werden. Dann bei einem Glas Bier und einem saftigem Steak, wird uns bewusst werden, welche tollen Burschen wir doch eigentlich sind und der Atlantik für uns nur ein Klacks sein kann - hoffen wir's.

So, nun muss ich aber wieder einmal alle Instrumente überprüfen und an Deck gehen - sonst geht es uns wie neulich, als während Gerhards 1/2 stündiger Sendeaktivität der Kartenplotter amok lief und ohne dass wir es merkten (wir waren unter Deck), das Boot zwei Kreise zog und dann Kurs zurück auf die Turks & Caicos nahm. Es war nachts und nur zufällig sah ich auf dem Schirm, dass wir zurückfuhren und Gerhard wunderte sich wie der Mond so rasch die Schiffsseiten wechseln konnte - ja auch das gibt es - die Elektronik macht's möglich und nicht das Bermudadreieck.

Rainer

LAT: N 31° 43,03'     LON: W 065° 24,77'
Local Time: 15.Mai 2005 01:26 h

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